Krass, krass- da sind sie rum, die 4 Monate Bogotá, Kolumbien. Bevor ich aber zu “emotionalen, rührenden und sentimentalen” Schlussworten komme, erst noch die Schilderung der letzten Woche. Denn die hatte es nochmal so richtig in sich und war sehr wohl voll von “emotionalen” Momenten.
Am Donnerstag wurde ich zu einem Geburtstag eingeladen. Da habe ich dann nochmal Leute getroffen, die ich noch nicht kannte. Die gleiche Prozedur: Bei Rum um Empanadas haben wir uns über Good Old Germany, die USA und Kolumbien unterhalten. Ich hab mich da mit einem sehr geil über Kommunismus und die Situation in Kolumbien usw. ausgetauscht. Da bin ich bis 3 geblieben, musste am nächsten Tag wieder arbeiten, um Abends von Kollegen in das Siemens eigene Restaurant eingeladen zu werden. Zu 12 sassen wir da am Tisch und es hat nicht lange gedauert, bis dem ersten Bier, die erste Schnapsflasche folgte ”Aguadiente”. Nach 1 ½ Stunden, so gegen 9 Uhr hat das Restaurant getobt. Denn verschiedene Leute haben sich bei traditionellen kolumbianischen Liedern, via Karaoke, die Seele aus dem Leib gebrüllt. Schon bald folgte der ersten, eine zweite Schnapsflasche… Wir haben gelacht, getanzt, getrunken und gescherzt. Das hat wirklich Spass gemacht, weil da, egal welchen Alters, die Leute ausgelassen gefeiert haben, sich gegenseitig verar…. haben und wieder zusammen gelacht haben. Um 11 ging es dann weiter zur nächsten Etappe- einem Club. Dort gab es Live Musik auf die Ohren, Merengue war das glaube ich… (den Schnaps erwähne ich jetzt nicht mehr). Aufgewacht am nächsten Tag, gings hoch und ab ins Goldmuseum. Das hatte ich schon mal erwähnt. Wer den Blog aufmerksam verfolgt weiss, dass ich gegen Anfang in “Guatavita- El Dorado” war, in dessen Laguna reichlich Gold gefunden wurde. Generell in Kolumbien… Das Museum hat wirklich Klasse, ist sehr modern und erklärt den Zusammenhang zwischen den Indianervölkern und den Goldpfunden. Die Stücke, die da ausgestellt sind, sind wirkliche Meisterwerke menschlichen Handwerkes und zu dem, puren Goldes. Nur tat der Kopf noch etwas weh und ich glaube, wir sind da etwas schneller durch, als man das normalerweise so macht…J
Gegen 17 Uhr und gerade aus dem Museum raus dachte ich mir (ich
sagte es auch…):”So, jetzt ist Schluss; kein Alkohol, kein Tanz mehr und erstmal schlafen gehen!” “Alles klar”, hatte ich als Antwort bekommen. Eine Kollegin wollte mich nach Hause fahren und
meinte, sie müsse nur kurz bei ihr anhalten um was zu holen, ich solle doch schnell mit hoch in die Wohnung kommen. Gut, der Dankbarkeit halber, habe ich das auch gemacht. Oben angekommen und mit
dem ersten Tritt in der Wohnung, haben mir dann erstmal die Worte gefehlt: Das gesamte Wohnzimmer ist in den Farben Kolumbiens dekoriert. “Wir haben uns erlaubt eine kleine Überraschungsparty für
dich zu schmeissen…”. Die gesamte Decke war voll von Luftballons in gelb, blau und rot- den kolumbianischen Farben. Daneben eine Fahne an der Wand, umgeben von Karnevaldekorierung und Bildern,
einer Collage. Auf dem Tisch Becher in den Farben des Landes und aus dem I/Pod tönten Salsa, Merengue und Vallenato. Die Gaeste waren, so weit sie es dann hatten, in typischen kolumbianischen
Trachten und Sombreros gekleidet- wieder war Schnaps im Spiel! Diese Party haette ich wirklich nicht erwartet, um so mehr, konnte ich mich darueber freuen. Doch damit nicht genug... bereits eine
Stunde spaeter, das Wohnzimmer war voll von Leuten, stuermte eine Vallenato Band spielend in die Wohnung. Das ist hier recht kommun, Live Bands zu mieten und auch nicht besonders teuer. Bisher
hatte es sich aber einfach nicht ergeben, das mal zu machen. Singend und klatschend im Wohnzimmer, mit Sombreros und bester Laune, hiess es dann nach einer Stunde wieder: "Los jetzt, packt die
Sachen, wir ziehen weiter." Wir sind also alle, ausgestattet mit "Lederstiefeln" in die man, was wohl, Schnaps fuellt, raus aus der Wohnung und runter vor die Tuer. Jetzt musste ich den Kopf
schuetteln: Sie hatten ein "Chiva" gemietet. Auch davon habe ich schon mal erzaehlt. Das sind die typische kolumbianischen Busse, gefertigt fuers feiern und tanzen. Die sind rot, haben
farbenfrohe Dekorierungen, sind zu allen Seiten offen, haben weder Fenster noch Tueren, noch Sitze. Gut, im hintersten Teil gibt es zwei kleine Sitzreihen, ansonsten gibt es nur Stangen und sonst
nix. Wir alle, 20 Mann, sind samt Vallenato Band auf die Chiva gestiegen und ab gings! Mit Live Musik und Lederstiefeln um den Hals ging es mit Ach und Krach durch Bogotá hoch in die Anden. Das
koennt ihr euch wirklich nicht vorstellen- da fuehlt man sich kurz wie im falschen Film. Ich tanze zu Vallenato, dazu noch ner Liveband mitten in einem Bus, neben mir voellig bekloppte, die
jubbeln und tanzen und immer schoen Schnaps nachschenken. Man hatte naemlich, kurz vorm aufsteigen in den Bus, einen Mini-Holzkelch um den Hals gehaengt bekommen, in den der Schnaps eingefuellt
wurde. Oben in den Anden und ueber der Stadt, gabs eine irre Sicht auf Bogota.... Wahnsinn! Dort oben haben wir fuer einen kurzen Snack angehalten. Einer typisch kolumbianischen Huette mit einem
riesigen Grill- es gab Fleischspiesse und dazu 2 Kartoffeln mit Pelle, deftig eben. Natuerlich hat uns auch hier die Band nach innen begleitet. Auch die wollte uebrigens immer, na ihr wisst
schon, mit Schnaps versorgt werden. Gut gestaerkt ging es zur Ziellokation, einer Diskothek mit Livemusik. Zu 20 sind wir dort rein, haben natuerlich getanzt, gequatscht und uns schoooooooen von
der grossen weiten Welt erzaehlt :-)! Am spaeteren Abend hat eine Band auf der 50cm breiten Bar gespielt und alles hat auf den Tischen getanzt. !Que rico pais! - Was fuer ein grossartiges
Land!
Auf Grund des so schnelllebigen, "lauten" und stuermischen Abend ist es denke ich verstaendlich, dass die Rueckfahrt etwas ruhiger verlief und einige Leute diese, in der Horizontalen verlebten...
:-) Ein sehr geiler Abend! Das hatte wirklich alles und war dazu noch unerwartet. Ich war begeistert und vielleicht merkt man mir meine Euphorie an den Worten noch an. Wartet, hoffentlich merkt
man mir die noch an. Am Sonntag waer ich bestimmt sehr gut aufgewacht, wenn mir nicht mein Kopf weh getan haette. Aber gut, ich musste weiter, war zum Brunch eingeladen....
Damit aber noch nicht alles, denn am Montag fand ein Ereignis der ganz anderen Art statt. Ich hatte mich vor kurzem entschieden, eine Patenschaft fuer einen Jungen hier in Bogotá zu uebernehmen.
Der Sueden Bogotá's ist eine der aermsten Regionen des Landes, nicht ganz ungefaehrlich und voller Miserie. Solange ich noch hier bin, wollte ich unbedingt die Chance wahrnehmen, den Jungen zu
besuchen, zu sehen wo das Geld ankommt, fuer wen es ist und was es bewirkt. Ich glaube, dass man auf diese Art eine wirkliche Beziehung zu der Sache entwickeln kann. Wie auch immer, der
Besuch dort geht auf Grund der Sicherheitslage nur Vormittags. Meine Chefin hatte mir glueklicherweise frei gegeben. So bin ich, gegen halb sieben Uhr fruehs in das Buero der Organisation. Dort
wurde ich den Leuten vorgestellt und hatte einen Einblick in die Projekte und das Buero. Im 2. Stock lag bereits ein Haufen von Schuhen mit dem Logo der Org., Fahrraeder und Schreibsachen.....
Vom Buero sind wir via Taxi eine halbe Stunde in den Sueden. Umso weiter suedlich, umso aermer wird es. Angekommen am Ziel, schuettelt man seinen Kopf vor Entsetzen. Das Taxi hat uns
abgesetzt, wo die geteerten, gepflasterten Strassen endeten. Von hier an gibt es lediglich Sand, Schlammwege. Die Hauser stehen dicht an dicht, alle bunt und vielmehr Barracken, Huetten. Die
Fassaden abgeplatzt, keine Tueren, weder Fenster. Ueberall streunern Hunde, nein vielmehr wirklich "dreckige Koeter" rum, schnueffeln im Muell, manche humpeln. Die Kinder rennen ueberall herum...
Die Zone liegt mit starker Steigung direkt in den Bergen, so dass man ahnen kann, dass aus den Wegen Schlammlawinen werden, sobald es regnet. Glaubt nicht, dass die Kinder Stiefel haben....
Jedenfalls dort angekommen habe ich Jorge getroffen. Es ist sieben Jahre alt und lebt mit seinen 4 Geschwistern, ohne seinen Vater, mit seiner Mutter zusammen. Mir wurde die Schule gezeigt (eine
Señora von der Organisation war immer dabei), war mit ihm in der Klasse. Die Schule, naja, klein, sehr kleine Raeume und die Fassade passt zu denen der anderen Haeuser. In der Klasse rennen die
Kinder wild umher, lernen jedoch wenigstens lesen und schreiben. Danach gingen wir zu ihm nach Hause. Ich glaube das Haus ist kleiner als mein Zimmer und das fuer 5 Personen. Es gibt keine Tuer,
seine Schwester kam ohne Hosen herausgelaufen. Das war eine Erfahrung der ganz anderen Art: eine wichtige, eine gute. Wenn man das mal sieht, weiss man was Armut, Miserie bedeutet. Das war sie so
ziemlich, die letzte Woche.... die hatte noch mal Feuer! Jetzt komme ich also zu den "emotionalen und zusammenfassenden" Schlussworten :-).
Wenn ich mir heute die Titel von den Artikeln, als auch von den Alben anschaue, macht mich das froehlich, gluecklich und auch ein bisschen stolz. In vier Monaten habe ich einen Grossteil
dieses schoenen Landes kennenlernen koennen. Die karibischen Kuesten, den Amazonas, die Anden, tropische Waelder, historische Staedte- die Hauptstadt. Dazu habe ich, was noch viel wichtiger ist,
einen tiefen Einblick in das Leben der Menschen bekommen koennen. In deren Lebensfreude, Gastfreundschaft, Optimismus, Leichtigkeit, Offenheit, Tanz- und Musikgeilheit. Das alles hier zu
beschreiben, faellt mir wirklich sehr schwer, die Worte wuerden sich ueberschlagen. Kolumbien, danke fuer die vielen Bilder in meinem Kopf! Es gab Momente, in denen vor mir riesige Berge mit
weiten Taelern lagen, Menschen, die ueber ueberschwemmte Strassen via Bruecken liefen, weisse bildschoene Straende, Kaimane und Spinnen, Indianer und Soldaten... Es gibt hier Fruechte, von denen
wir in Deutschland noch nicht mal wissen. Maenner, die bekennende Fans von ihren Frauen sind. Unordnung, Durcheinander und fehlende Organisation. Die Metalldetektoren beim Eingang zu
Siemens...
Es ist ganz gross, wie mich die Leute hier empfangen haben, was sie fuer mich gemacht haben, mir ihr Land gezeigt haben. Wann bekommt man nochmal die Chance fuer 4 Monate voellig in
ein anderes Land einzutauchen? Obwohl ich allein gewohnt habe, war ich am Wochenende nie Zuhause, wurde stets eingeladen bzw. bin ich verreist. Kolumbien ist wirklich genau das, exakt das, was
ich vorher wollte- etwas voellig anderes! Keine europaeische Kultur, keine US-amerikanische.... etwas anderes. Sie haben wirklich ihr ganz eigene Kultur, das Lebensverstaendnis
entspricht nicht dem europaeischen. Es gibt hier ueberall Hausfrauen und die Kinder ziehen erst mit oder nach der Heirat aus. Die Einstellung ist noch recht Macho, das heisst, vielen Frauen
gefaellt es fuer die Maenner zu sorgen, eingeladen zu werden und Gentlemen zu haben. Die Maenner sind gleichzeitig aber auch mehr Gentlemen, viel dreht sich hier um Respekt. Um mit einer
vergebenen Frau zu tanzen, muss der Mann vorher um Erlaubnis gebeten werden...
Aus dem Radio kommen keine US- Hits sondern Salsa, Vallenato, Merengue, Raggaeton... Frueh lernen die Kinder das alles zu tanzen, ja mit wenigen Jahren bereits. Es folgt ein
Widerspruch, aber Kolumbien produziert das Koks, konsumiert es aber nicht! Weder Marihuana... Ich habe hier niemanden kennengelernt der eines von beiden konsumiert, auch niemanden, der einen
kennt...(sicherlich gibts das aber auch). Die Gesellschaft der Jugend scheint deshalb gesuender, die Stimmung in den Clubs ist alles andere als agressiv, sondern "alle Welt ist mein Freund".
Viele Taxifahrer, aber auch andere Leute haben mir staendig erzaehlt wie "grossartig ihr Land sei, wie viel Geschmack es haette"..."Erzaehl den Leuten, was Kolumbien wirklich ist..." hiess es
ebenfalls häufig. Was mich aber wirklich begeistert hat, ist die Lebensfreude und Einstellung zu ihrem Land. Die Leute hier haben nicht mehr Gefuehle als wir, sie zeigen sie nur mehr! Positive,
als auch negative, die Leute leben sie...
Natuerlich ist aber auch nicht alles Gold was glaenzt. Keine Stadt Kolumbiens kann mit den Europas mithalten, mit der Geschichte, der Architektur, der Vielfalt. Das Leben ist langsamer,
ruhiger. Da muss man wissen, was einem lieber ist. Jeden Tag hoert man ueber die FARC, Entfuehrten und den armen Regionen des Landes. Die FARC, die das Image und die Realitaet dieses schoenen
Landes ruiniert. Die Situation verbessert sich jedoch, monatlich stellen sich Leute. Ich wuesste jedoch nicht, ob ich meine Kinder in diesem Umfeld aufziehen wollen wuerde. Obwohl die Staedte wie
Sao Paulo oder Mexico Stadt viel gefaehrlicher sind als Bogotá. Es kommt auf die Regionen an. Deutschland ist bei allen Kolumbianern uebrigens hoch angesehen. Ein tolles Land haetten wir, so
sagen die, die schon mal da waren. Das finde ich auch!! Beachtenswert finden sie es, wie schnell sich das Land nach 2 Weltkriegen und zerstoerten Staedten so erholt hat
& wiederaufgebaut hat. Beachtenswert finden sie es, wie das Gesundheitssystem funktioniert, unsere Kinder keine Angst haben auf der Strasse zu spielen, Frieden herrscht. Das finde ich
auch! Ja, wir zahlen hohe Steuern, aber dafuer haben unsere Strassen auch keine Loecher und in Berlin gibts keine Slums. Hier bezahlen die Leute ebenfalls steuern (nicht alle), meinen aber, sie
sehen nicht fuer was. "Die Regierung klaut uns das Geld, viel Korruption herrscht immernoch", aber sie beschweren sich nicht, nehmen lieber noch nen Schluck und lachen...:-)
An diesem Punkt, wie bereits angedeutet, ein fettes Dankeschoen an die Leute hier. Wie ich aufgeommen wurde war aussergewöhnlich- meinen Respekt. Nicht zu vergessen ist jedoch mein
Arbeitgeber, der mir das moeglich gemacht hat, mich hierher geschickt hat- ganz grosses Kino. Dafür bin ich dankbar. Es waren 4 sehr sehr geile und vor allem sehr intensive Monate. Schlag auf
Schlag folgten manchmal die Eindruecke. Leute mit denen ich telefoniert habe, mussten unter der Wortflut bestimmt manchmal leiden..:-) Danke fuer eine sehr sehr geile Zeit!
Ich freue mich wieder auf mein Leben in Berlin. Denn auch eine noch so krasse Zeit ist nur halb so intensiv, wenn sie ohne euch ist. Ich freue mich auf euch und danke euch fuers lesen- ich
hoffe es hat Spass gemacht. Der Rest folgt dann im 4 Augengespraech, dann aber bei "Rock und Pils" an der Bar :-). Wenn mein Enthusiasmus und mein Tatendrang vorher nicht auf 100 Prozent waren,
dann sind sie es jetzt wieder!
Abschliessen moechte ich mit einem Werbeslogan
der auf CNN laeuft.
"Colombia, el unico riesgo es que te quieres quedar" ( Kolumbien, das einzige Risiko ist, das du bleiben willst)
Jetzt entscheidet ihr: "Kolumbien: Kaffee, Koks & Kidnapping, oder doch nur alles
Quatsch?"
Danke, Hasta luego und bis Uebermorgen!
ps. Album: "Sur de Bogotá...", Bilder von der Party am Samstag folgen heut Abend. Meine Kamera habe ich uebrigens bei der Abschiesparty Samstag verloren, gut, ich hatte sie den
ganzen Abend ueber nicht in der Hand.... Schade um die fotos, die gibt es aber noch von anderen....


