Bildung, Soziales, Poltik, Umwelt Kolumbien
Lage und Bevölkerung
Kolumbien ist das viertgrößte Land Südamerikas und das einzige, welches sowohl an den Pazifik als auch an den Atlantik grenzt. Die Landesgrenzen werden im Südwesten mit Ecuador und Perú, im Südosten mit Brasilien, im Nordosten mit Venezuela und im Nordwesten mit Panamá gebildet.
West- und Zentralkolumbien wird von den Anden dominiert, die sich in drei große Bergketten teilt: die westliche, die zentrale und die östliche Kordillere.
Mit einer Gesamtbevölkerung von ca. 46 Mio Einwohnern (Stand: 2005) gehört
Kolumbien, nach Brasilien und Mexiko, zu dem bevölkerungsreichsten Land
Lateinamerikas. Ungefähr ¾ der Kolumbianer leben in den Städten, die weitaus größte ist die Hauptstadt Bogotá mit ca. 7 Millionen Einwohnern. Weitere wichtige Ballungsgebiete sind die Atlantikküste (mit den Städten Barranquilla, Cartagena u.a.) sowie Cali und Medellín. Die Bevölkerungsschichten sind durch eine hohe ethnische Vielfalt gekennzeichnet, die sich in folgenden Zahlen wiederspiegelt: 58% Mestizen, 20% Weiße und Kreolen, 14% Mulatten, 4% afrikanischer Abstammung und etwa 3% Zambos und 1% indigene Bevölkerung.
Kolumbien ist ein reiches Land. Es ist der weltweit grösste Exporteur von Qualitätskaffee und Smaragden, einer der wichtigsten Blumen- und Bananenexporteure und es zählt zu den wichtigsten Kohle- und Goldproduzenten. Zudem verfügt Kolumbien über grosse Mengen des so genannten schwarzen Golds, über Erdöl. Von den gigantischen Exporteinnahmen profitiert allerdings nur eine kleine Oberschicht des Landes sowie die dort ansässigen transnationalen Unternehmen - der Grossteil der kolumbianischen Bevölkerung dagegen lebt in tiefster Armut, laut Gewerkschaftsangaben von 1999 leben 55 % der Bevölkerung in Armut, 20 % in absolutem Elend, gleichzeitig befinden sich 90 % der kolumbianischen Aktienanteile in den Händen von weniger als 0,9 % der Aktionäre.
Umwelt
Die ursprüngliche Pflanzen- und Tierwelt Kolumbiens ist so vielfältig wie die Topographie des Landes. Die riesigen Regenwälder erstrecken sich über 51 Prozent der gesamten Landesfläche Kolumbiens und zählen weltweit zu den artenreichsten. In den Waldgebieten, die sich auf mittlerer Höhe über mehr als 51 Millionen Hektar ausdehnen, finden sich auch forstwirtschaftlich nutzbare Bäume wie Mahagonibäume, Guajakbäume, Eichen, Walnussbäume, Zedern, Kiefern und Balsabäume. Aus tropischen Pflanzen werden Kautschuk, Chiclegummi, Chinarinde, Vanille, Sarsaparilleextrakt, Ingwer, Kopalharz, Brechwurzelextrakt, Tonkabohnen und Rizinusöl gewonnen. An der karibischen Küste wachsen Mangroven und Palmen. Allein zwischen 1990 und 1995 fielen etwa 1,3 Millionen Hektar der Entwaldung zum Opfer. In den wirtschaftlich genutzten Waldgebieten wird nur selten eine Wiederaufforstung durchgeführt.
Obwohl Kolumbien nur etwa ein Zehntel so groß ist wie sein Nachbarland Brasilien, beheimatet es fast ebenso viele bekannte Tierarten und zählt zu den zehn Ländern der Welt mit der größten Artenvielfalt. Kolumbien verfügt über eine große Artenvielfalt - pro Gebietseinheit weltweit: Mit 0,7% Anteil an der weltweiten Festlandsmasse vereinigt das Land 10% aller Tier- und Pflanzenarten des Planeten auf seinem Staatsgebiet. Hinsichtlich der Artenvielfalt pro Flächeneinheit belegt Kolumbien damit weltweit den zweiten Platz In der Tierwelt Kolumbiens finden sich größere südamerikanische Säugetiere wie Jaguare, Pumas, Tapire, Pekaris, Ameisenbären, Faultiere, Gürteltiere sowie verschiedene Affenarten und Hirsche. Kaimane, die früher in großer Zahl die Flüsse bewohnten, sind durch intensive Bejagung selten geworden. In den tropischen Gebieten leben viele Schlangenarten, u. a. Korallenschlangen und Anakondas. Kolumbien hat mit 1 695 Vogelarten die artenreichste Avifauna. Zu den heimischen Vögeln zählen Kondore und andere Neuweltgeier, Tukane, Kakadus und andere Papageien, Kraniche, Störche und Kolibris. In Kolumbien sind 9 Prozent (1997) der gesamten Landesfläche als Nationalparks oder Naturschutzgebiete ausgewiesen. Die Durchführung von Kontrollen in einigen dieser Gegenden ist jedoch infolge des illegalen Drogenschmuggels schwierig.
Der größte natürliche Reichtum des Landes ist seine Flora, insgesamt kommen in Kolumbien zwischen 45.000 und 55.000 Pflanzenarten vor, davon allein 3.500 Orchideenarten, also 15 % aller auf der Welt existierenden Orchideenarten. Auch das Tierreich ist mit insgesamt 2890 Landwirbeltierarten sehr vielfältig: mit 1721 Vogelarten sind 20 % aller weltweit vorkommenden Arten und mit 358 Säugetierarten 7 % der weltweit vorkommenden Arten vertreten. Zudem gibt es in Kolumbien 10 % aller Reptilienarten 6 % davon sind Amphibien
Soziales
Die staatliche Gesundheitsfürsorge macht Fortschritte, allerdings herrscht immer noch Ärztemangel. Der Großteil der Ärzte praktiziert in den größeren Städten. Kolumbien hat rund 750 Krankenhäuser und etwa 860 Zentren für medizinische Versorgung. Die Lebenserwartung liegt bei 66,7 Jahren für Männer und 74,5 Jahren für Frauen (2001). Malaria und Gelbfieber sind in einigen Teilen des Landes immer noch verbreitet. Die staatliche Sozialversicherung gewährt Beihilfen bei Mutterschaft und bei zahnärztlicher Behandlung. Die meisten Arbeitnehmer in der Industrie sind gegen Unfall und Invalidität versichert, Angehörige haben Anrecht auf Versorgung. Die Sozialversicherung wird durch Beiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber (wie in Deutschland) und durch staatliche Zuwendungen finanziert.
Bildung und Schulwesen
Es besteht eine Schulpflicht von 5 Jahren (1998), vom 7. bis zum 11. Lebensjahr. Nach großen Bemühungen um die Verbesserung des Bildungssystems können heute 97,1 Prozent aller Kolumbianer über 15 Jahren lesen und schreiben (2001). In den größtenteils unter dem Einfluss der römisch-katholischen Kirche stehenden öffentlichen Schulen ist katholischer Religionsunterricht Pflicht. Einige Schulen werden von der protestantischen Kirche geführt, die sich vorwiegend in Bogotá befinden. In der Regel finanziert der Staat weiterführende Schulen und Universitäten und kommt auch für Grundschulen in Städten und Departamentos auf, die dies aus eigener Kraft nicht vermögen. Insgesamt schließen etwas unter 60 Prozent der Schulpflichtigen die Grundschulausbildung ab, über ein Drittel davon besucht weiterführende Schulen, einschließlich Berufsschulen und pädagogischer Ausbildungsstätten. Kolumbien verfügt über mehr als 230 Hochschuleinrichtungen, die von mehr als 450 000 Studenten besucht werden.
Gemäss Art. 67 der Kolumbianischen Verfassung von 1991 soll die Schulbildung gratis und allen zugänglich sein. Diesem Verfassungsgrundsatz zum Trotz haben von den elf Millio-nen Kindern zwischen 5 und 17 Jahren drei Millionen keinen Zugang zur Schulbildung.
Die Bildung – Spiegel der sozialen Ungleichheiten
Das heutige Bildungssystem berücksichtigt die wichtigsten Hindernisse beim Zugang zur Bildung nicht. In den offiziellen Berichten der Regierung oder den Studien internationaler Organisationen werden hauptsächlich die fehlenden Bildungsplätze, die Distanz zwischen Schulen und Wohnhäusern und die problematische Sicherheitslage infolge des bewaffne-ten Konflikts hervorgehoben. Keiner dieser Berichte nimmt sich jedoch in erster Linie dem Hindernis an, das den Alltag der Familien am meisten prägt, nämlich die wirtschaftliche Barriere, der die Eltern im Moment der Einschulung der Kinder gegenüberstehen.
Obwohl Kolumbien 1968 das Internationale Abkommen über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ratifizierte, hat es die Verpflichtung nicht erfüllt, wonach die Unterzeich-nerstaaten auf ihrem Staatsgebiet ein kostenloses und universelles System der Grundaus-bildung innerhalb von zwei Jahren nach der Ratifizierung einführen müssen. 38 Jahre spä-ter ist die Schule in Kolumbien immer noch nicht gratis. Andere Länder des Kontinents mit ähnlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – beispielsweise Brasilien, Argentinien und Chile – haben dieses Ziel hingegen erreicht.
Artikel 67 der Verfassung von 1991, der eine kostenlose Bildung in den öffentlichen Ein-richtungen garantiert, ist recht klar formuliert: „… Die Bildung soll in den Institutionen des Staates gratis sein, ohne dass die Bezahlung akademischer Gebühren durch diejenigen, die es sich leisten können, zum Vornherein ausgeschlossen wird“. Mit diesem Artikel ha-ben wir den Kern des Problems getroffen. Der Staat behält sich das Recht vor, die Verwal-tungskosten des Bildungswesens von all jenen einzufordern, von denen er glaubt, sie könnten dies bezahlen. Genau diese an Bedingungen geknüpfte und somit unterhöhlte Garantie der Kostenlosigkeit ermöglicht eine Evaluation nach völlig willkürlichen Kriterien. In Tat und Wahrheit gibt es nur sehr wenige Kinder, die keine Schulgebühren bezahlen müssen. In einem Land, in dem über 60% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben und ein Einkommen von weniger als einem Mindestlohn von 343'000 Pesos (190 CHF) haben, wird die Schulbildung wegen der endlosen Liste von Einschreibgebühren, Schuluni-formen, Schulmaterial und Transportkosten für viele arme Familien unerreichbar.
So variieren beispielsweise die Einschreibegebühren in den öffentlichen Schulen je nach Region zwischen 30'000 und 160'000 Pesos (15 bis 80 CHF). Die obligatorische Schuluni-form - ursprünglich mit der Absicht eingeführt, soziale Diskriminierungen wegen der Klei-dung zu verhindern - verursacht Ausgaben zwischen 100'000 und 250'000 Pesos (50 bis 125 CHF), und wird somit zu einem Faktor, der den Schulbesuch verhindert. Zu all diesen Ausgaben kommen die Kosten für den Schultransport dazu. Diese teilweise hohen Kosten führen zu enormen Unterschieden in der Einschulungsrate der Kinder je nach wirtschaftli-chem Niveau. In der Primar- und der Sekundarschule ist – ohne uns in die Details der ver-schiedenen Altersgruppen und der sozialen Schichtung zu verlieren – der Anteil der Ein-schulung von Kindern aus Familien mit relativ hohen Einkommen im Schnitt drei bis vier Mal höher als die Quote bei ärmeren Familien. Die hohen Kosten zwingen viele Familien dazu, die Einschulung auf ein Kind zu beschränken oder den Schulbesuch der Kinder früh-zeitig zu beenden, damit diese sich der dringenden Aufgabe der Einkommensbeschaffung der Familie widmen. Von 100 Schülern beenden noch 30 die Grundausbildung und eines von vier Kindern besucht lediglich ein Jahr die Schule1.
Der Schulausschluss von Kindern weist auch auf Probleme bei der Verteilung sowie Un-gleichheiten und Defiziten im staatlichen Angebot hin. Der Mangel an Schulen, Plätzen2 und Lehrern ist eine Konstante. Der Deckungsgrad der Schulen ist über das ganze Land verteilt sehr ungleich. Marginalisierte und traditionell vergessene Departemente wie Vicha-da, Guaviare, Guainía oder Amazonas weisen ein Niveau der Nettoeinschulung von unter 50% auf, während bei reicheren Departementen wie Antioquia, Bogotá oder Cundinamarca dieser Grad 90% übersteigt. Die Unterschiede bei der Bruttodeckung der Schulbildung zei-gen mit aller Deutlichkeit den Graben auf, der sich in den letzten Jahren zwischen den ländlichen und den städtischen Regionen aufgetan hat. Während der durchschnittliche De-ckungsgrad in den ländlichen Zonen nicht höher als 35% ist, beträgt er in den Städten 96%. Durch die lange Geschichte einer Politik der Vernachlässigung und einer fast völligen Nichtexistenz des Staates in den marginalen Departementen hat das fast vollständige Feh-len der grundlegendsten Infrastruktur zur Folge, dass der Schulbesuch eine anstrengende tägliche Aufgabe wird. Nicht selten sind in diesen gottverlassenen Gegenden Kinder anzu-treffen, die für den Besuch der nächstgelegenen Schule drei Stunden im Kanu zurücklegen müssen.
Kolumbien hat eine Analphabetenrate von 8,7% und eine Arbeitslosigkeitsrate die zwischen 8 und 13 % schwankt.
Politik (der letzten Jahre)
Trotz militärstrategischer Pläne zur Vernichtung von Drogenpflanzungen (Plan Colombia bzw. Plan Patriota ab
2005) und stärkerer Präsenz von Polizei und Militär, gelang es Präsident Uribe in seiner ersten
Amtszeit nicht, das Land zu befrieden und den Drogenhandel auszumerzen. Also ließ er die Verfassung ändern, die jetzt eine Wiederwahl des Präsidenten ermöglicht. Am 28. Mai 2006 erhielt Álvaro
Uribe im ersten Wahlgang 62 % der Stimmen. Als wichtigste Gründe für die Wiederwahl des Hardliners galten sein problemorientierter Pragmatismus, spürbare sicherheitspolitische Erfolge sowie der
wirtschaftlichen Aufschwung.
Seit Amtsantritt Uribes schreibt das Land wieder schwarze Zahlen, was vor allem der exportorientierten Wirtschaftspolitik, sowie der steigenden Inlandsnachfrage und dem Bausektor zugeschrieben
wird. Von dem bescheidenen Aufschwung profitiert jedoch nur eine kleine Minderheit. Von dem rigorosen Sparkurs der Regierung zur Bekämpfung der Inflation bleiben auch die Sozialprogramme für die
Armen nicht verschont. Die soziale Kluft vergrößert sich zusehends. Kolumbien gehört zu den Ländern Lateinamerikas mit den größten sozialen Unterschieden. Ein Drittel der Bevölkerung lebt im
Elend, etwa die Hälfte unterhalb der Armutsgrenze, davon rund 10 Millionen in den Elendsvierteln der Großstädte. Die offizielle Arbeitslosigkeit liegt bei 12,6%, die Unterbeschäftigung bei 34,4%.
Ein Großteil der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechten, unter ihnen auch die ethnischen Minderheiten, die in der diesjährigen Spendenaktion 2007 von
ADVENIAT im Vordergrund stehen. Die indigene Bevölkerung befindet sich im Kreuzfeuer zwischen Guerilla, Paramilitärs und wirtschaftlichen Megaprojekten wie dem Bau von Pipelines und
Schnellstraßen.